Russische Identität heute
Eine Legende vorab.
Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, sich immer in einem Kosmos, einem strukturierten inneren Raum zu befinden. Wenn man aus irgendeinem Grund aus dem Kosmos ausgestoßen wurde und keine Orientierung mehr findet, sieht der Mensch sich im Chaos verirrt. Die Achilpa-Australier haben ein Ritual, dem ein Ursprungsmythos zugrunde liegt: Sie tragen auf ihren Wanderungen den heiligen Pfahl mit sich, der als kosmische Achse die Erde mit dem Himmel verbinden soll. Trotz des ständigen Ortswechsels erlaubt dies den Achilpa, immer in „ihrer Welt“ zu sein und in Verbindung mit der himmlischen Ordnung zu stehen. Einer Legende nach wurde einem Achilpa-Stamm ihr sakraler Pfahl einmal zerbrochen, was gewissermaßen eine Katastrophe und das „Ende der Welt“, die Rückkehr ins Chaos bedeutete. Daraufhin irrten die Stamm-Angehörige einige Zeit planlos herum, setzten sich schließlich auf die Erde nieder und überließen sich dem Tode.
Nach: Mircea Eliade: Gefüge und Funktion der Sch´öpfungsmythen. In: Schöpfungsmythen. Hrg. Von Hans Christian Meiser
Der Kontext.
Nach dem 24. Februar 2022 gerieten viele Menschen, die sich der russischen Kultur angehörig fühlen, in eine tiefe Identitätskrise. Das, was in ihrem Namen durch den russischen Staat in der Ukraine geschieht, ist nicht nur aus der allgemein menschlichen Sicht unerträglich, sondern stellt die eigene Zugehörigkeit zu dem Land, Kultur und Staat radikal in Frage.
12 Russen, mit einer klaren Positionierung gegenüber dem Ukraine-Krieg, suchten gemeinsam nach Antworten auf die Fragen:
Was macht UNSERE russische Identität überhaupt noch aus?
Was ist uns (noch) wichtig, heilig, bedeutungsvoll, was kann man uns nicht nehmen?
Welche Geschichten, Helden, Symbole sind für uns mit Russland verbunden?
In Kleingruppen sammelten wir die Ideen auf Karten und schauten uns an, was dabei herauskam.
Die Ergebnisse.
Vorab gesagt: Jede*r der Teilnehmer*innen hat ganz sicher ihre eigenen Assoziationen und Schlussfolgerungen dazu entwickelt. Im Folgenden sind nur meine eigenen geschildert.
Wie eine Teilnehmerin gleich zu Beginn der Diskussion sagte: Wir haben nichts gemeinsam außer einem gemeinsamen Trauma. Und sie hatte Recht.
Was hat die Diskussion über die russische kulturelle Identität gezeigt?
Dass sie zwei Schichten und einen universellen Aspekt hat.
Die erste Schicht: Prägende Zeichentrick- und Märchenfiguren aus der Kindheit, das sowjetische Neujahrsfest und andere Elemente der Alltagskultur. Dazu noch reale Orte und Menschen, die einem wichtig sind, die individuelle kleine Heimat. Moskauer Arbat oder Samaras Zhigulev-Tor, Kosaken-Staniza. „Oliviersalat“, Lieder auf Russisch, die Sprache als solche. Kultur, Bücher (obwohl niemand etwas Literarisches außer dem Komödien-Regisseur Gaidai als „Held“ nannte). Es gab auch Gagarin unter den Helden, aber irgendwie haben wir vergessen, über ihn zu sprechen.
Die Überzeugung, dass man ältere Familienmitglieder bei Bedürftigkeit nicht allein lassen darf, dass es wichtig ist, für die gute Bildung der Kinder zu sorgen, in der Hoffnung, dass sie dadurch ein besseres Leben haben werden. Ein System von Familienwerten einer Nuclear-Familie, wie Soziologen sagen würden.
Und dazu gibt es ein kollektives Trauma – die zweite Schicht. Die Angst vor der Macht. Angst davor, sich zu zeigen. Angst vor Willkür des Staates. Die sowjetische Vergangenheit. Leerstellen und Unkenntnis der eigenen Familiengeschichte. Denn selbst unsere engsten Verwandten haben darüber geschwiegen, was sie erlebt haben. Manchmal haben sie es uns noch vor ihrem Sterbebett erzählt oder es mit in den Grab genommen. Und wir wissen oft nicht, wo ihre Gräber sind. Wir haben selten einen gemeinsamen Friedhof für mehrere Generationen einer Familie. Oder sie sind über ein solches Gebiet verstreut, dass man tatsächlich lieber nicht wissen möchte, wo und warum. Wir kennen oft nur die Familienmitglieder, die wir selbst erlebt haben. Von anderen wissen wir einfach nichts.
Angst und Schweigen.
Ein neues Tabu kommt hier hinzu: über den aktuellen Krieg zu sprechen. Selbst in Russland lebende Russen, die eindeutig gegen den Krieg sind, können heute vierzehn Tage lang in einem Zeltlager Urlaub machen und nicht ein einziges Mal über das Geschehen sprechen. Oder: "Sag mir das nicht, ich habe Angst, es zu wissen". Ich will nicht dafür verantwortlich sein. Ich will nicht mit diesem Wissen leben. Ich möchte mich nicht in einem moralischen Konflikt befinden.
Einige besonders reine Seelen unter uns haben es gerade besonders schwer. Diejenigen, die geglaubt haben, dass unsere sowjetische Vergangenheit, besser gesagt: ihr gesamtes Leben, alles, was sie als schön, heilig und eigen betrachteten, real war. Und es stellte sich heraus, es ist eine Art Fake angesichts der schrecklichen Wahrheit und dem, was man in Russland "Fakes über die russische Armee" nennt. Fakes über die sowjetische Armee, über den sowjetischen Staat, über uns selbst sind kein neues Phänomen. Es ist hundert Jahre alt. Und jetzt wiederholt es sich wieder, oder besser gesagt – man hat das Gefühl, dass es eigentlich nie aufgehört. Es ist nur nicht mehr möglich, es wirklich zu glauben.
Metaphorisch gesprochen.
Wir sitzen an einem Tisch, der mit einer Tischdecke bedeckt ist. Darauf stehen all die netten Zeichentrickfiguren und Märchengestalten, die sowjetischen Feste Neujahr und der 1. September, die russische Sprache und sonstige wie es mal hieß „alte Lieder über das Wichtige“. Und diese Tischdecke bedeckt verwesene nicht beerdigte Leichen. Nicht nur die frischen von den Ukrainern, sondern auch die Leichen unserer Vorfahren, den russischen, den ukrainischen, den jüdischen, Opfern von Golodomor und aus dem NKWD-Gefängnis in Lemberg 1940, aus dem Gulag, von den vertriebenen Russlanddeutschen, und vielen vielen anderen. Diese Leichen stinken bereits seit hundert Jahren. Und wir wollen uns nicht an sie erinnern. Wir wollen nichts von ihnen wissen. Denn im Gegensatz zu den Ukrainern haben wir Russen niemanden, den wir für sie verantwortlich machen können, außer uns selbst. Wir haben niemanden, von dem wir unsere Unabhängigkeit feiern könnten. Wir sollten uns selbst fragen, wer wir nach all dem sind. Nach diesem grausamen 20. Jahrhundert. Und die Antwort lautet: es ist unmöglich, mit dieser Antwort zu leben, mit diesem Wissen über sich selbst, über die Vergangenheit, die kulturelle Identität. Denn wenn das alles wahr ist, wie können wir dann damit weiterleben?
Damit kann man auch wirklich nicht leben. Deshalb haben die Russen jetzt drei Möglichkeiten.
Die erste ist, diese Tischdecke mit aller Kraft auf dem Tisch zu halten versuchen. Niemals zulassen, dass sie herunterrutscht. Um die stinkenden Leichen nicht zu sehen. Den Geruch nicht zu hören. Nicht zu glauben, dass man uns so belogen hat. Und vor allem, dass wir diese Lügen geglaubt haben. Die „alten Lieder über das Wichtige“ weiter hören. Das Neujahrsfest feiern, den Stalin in den 30er Jahren komplett neu konstruieren lassen hat, ein Ersatz für das streng verbotene christliche Weihnachten. Nationale Größe. Gagarin, der große Sieg 1945, all das. „Der Sieg um jeden Preis“, wie es in einem alten Kriegslied gesungen wird. Um jeden Preis verhindern, dass uns diese Tischdecke verrutscht.
Zweitens. Die Tischdecke entfernen. Die Leichen darunter erkennen. Entsetzt sein. Darüber, wie man uns belogen hat. Wie sehr wir das geglaubt haben. Wie unser Leben aus diesen Lügen gewoben wurde. Wie unsere Identität in Lügen getränkt wurde. Wie lange wir schon wurzellos sind. Ohne Erinnerung. Auf einen kleinen Tod des Russischen in sich selbst gefasst sein.
Und das dritte. Die Tischdecke abnehmen. Punkt zwei ausführen. Und anfangen, die Leichen zu beerdigen. Anfangen zu trauern. Schwarz als schwarz und weiß als weiß bezeichnen. Und dann, vielleicht, wird hinter diesem "Tal der Tränen" (wenn wir uns an die Kurve der Veränderungen erinnern, die auch der Prozess der Trauer ist) ein neues Muster zu schimmern beginnen, ein neues nationales Puzzle wird beginnen, Gestalt anzunehmen.
Einige Schlüsse.
Wenn man genau hinschaut, ist es nicht überraschend, dass der aktuelle Krieg eine solche Identitätskrise unter den normalen Russen verursacht hat. Wenn es das Ende der Tischdecken-Identität und das Ende der sowjetischen Fakes über die Sowjetarmee (und gleichzeitig den Sowjetstaat) bedeutet – dann wird es höchste Zeit. Nur tut es furchtbar weh, weil es nur mit der eigenen Haut abgenommen werden kann. Wir haben keine andere Identität bekommen als des Neujahrsfestes, des dazu gehörigen Olivier-Salats und der Verbundenheit mit dem eigenen ganz konkreten Herkunftsort, eine für alle Menschen heilige und universelle Sache. Offenbar sind deshalb nur wenige von uns zu solchem nationalen Harakiri überhaupt fähig. Und je älter die Menschen sind, desto mehr Lebensabschnitte müssen sie in Frage stellen. Für manche ist es ihr gesamtes Leben.
Eine weitere Sache, die nicht sofort offensichtlich ist, aber bei genauem Hinschauen logisch. Wenn der "heilige Pfahl" einer Nation gebrochen ist und sie die Orientierung verliert, kann sie nur sterben oder sich selbst ausrotten. Und da ist jedes Mittel recht. Der ganzen Welt den Krieg zu erklären, sich aus der globalen Zivilisation ausschließen zu wollen, sich gegen den Wind des historischen Prozesses bewegen; die "Fleischattacken", der Tausch eines in den Krieg geschickten Verwandten gegen eine „Lada Kalina“; sich selbst die Schuld an allem geben, den Boden unter den Füßen nicht mehr spüren, dafür den Tod des Russischen in uns. Wenn es keinen moralischen Bezugspunkt mehr gibt, und als Folge davon auch nicht mehr den Wert des Lebens eines anderen Menschen, verschwindet doch auch der Wert des eigenen Lebens, oder?
Vor diesem Hintergrund klingt Putins Satz "Wozu brauchen wir diese Welt, wenn es kein Russland mehr darin gibt?“ noch einmal ganz erschreckend plausibel. – Auch der Krieg in der Ukraine, die die Russen ja als „Ihres“ betrachten, erscheint im Kontext derartiger Autoaggression und Selbstzerstörung in einem neuen Licht…
Es gibt anscheinend Erfahrungen, die man nur in einer Gruppe machen kann. Ein Tropfen allein kann sich nicht als Teil des Ozeans erkennen. Aber eine kleine Pfütze spricht schon Bände. Eine Pfütze von Russen, die bereit sind, der Wahrheit ins Auge zu sehen und zu erkennen, dass das eigentlich Gemeinsame unser kollektives Trauma ist. Und zwar nicht das vom 24. Februar, sondern eines, das ein Jahrhundert alt ist. Oder vielleicht sogar noch älter. Und nur wenn wir es erkennen und aufarbeiten, können wir hoffen, dass sich das Puzzle eines Tages wieder zu einem neuen Muster zusammensetzt.
Das Letzte und Optimistische.
Nach zwei Schichten, einer Tischdecke mit Leichen darunter ergab die Diskussion noch eine Komponente – die menschliche. Es hat lange gedauert, ein Wort dafür zu finden. Die erste Idee war "zufällig Überlebende". Diejenigen, die bei sich und ihren Überzeugungen blieben und bleiben, auch wenn sie genau wissen, was sich unter der Tischdecke befindet. "Unabhängig Denkende", schrieben wir schließlich auf die entsprechende Karte. Einen gewissen Prozentsatz davon gibt es offenbar in jeder Nation; es ist eine menschliche, keine nationale Konstante. Diejenigen, die eine schwarze Pyramide in dem berühmten Experiment schwarz nennen, und einen Krieg einen Krieg. Solche Menschen gibt es in jedem Land, ihr Prozentsatz scheint – und das ist die gute Nachricht – konstant zu sein. Die schlechte Nachricht: diese Anzahl ist manchmal nicht ausreichend. – Sie scheinen auch die letzte Hoffnung zu sein. Unter anderem darauf, dass einer von ihnen unter denen sein wird, die den Befehl zur Betätigung des „roten Knopfes“ erhalten.
Einen gemeinsamen heiligen russischen Pfahl gibt es nicht mehr. Und ich befürchte, es gibt ihn schon lange nicht mehr. Den einen Bezugspunkt, von dem aus wir beginnen können, das verlorene Koordinatensystem wiederherzustellen. Es gibt eine schwarze Grube des gemeinsamen Traumas. Und es gibt den inneren Kompass der "zufälligen Überlebenden". Vielleicht können wir, nachdem wir diese Trauerarbeit durchgemacht haben, eines Tages einen neuen Bezugspunkt definieren und einen neuen Pfahl aufstellen. Ob wir es schaffen, ist eine große Frage. Eine Frage von Leben und Tod.
Im Herbst 2023