Frohes Neues – ein Identitätsritual, made by Stalin
Seit über 20 Jahren lebe ich als Russin in einem kalendarischen Durcheinander: Am 24. Dezember zuerst das für mich in Hamburg stets sehr präsente westliche Weihnachtsfest, welches sich aber für mich irgendwie unecht anfühlt.
Denn: „Es ist nicht meins“ – ich bin aufgewachsen in der russischen orthodoxen Tradition.
Dort gehören Tannenbaum, Weihnachtsmann und Geschenke zum Fest „Neujahr“. Gemeinsam mit dem Salat Olivier, dem Film “Ironie des Schicksals“ und der Notwendigkeit allen in Deutschland zu erklären, woher die Weihnachtsfrau kommt (woher eigentlich?). Zelebriert wird dies alles am 31. Dezember. Während überall Silvester gefeiert wird. - Die russischsprachige Welt feiert mit ihrem „Neujahr“ allerdings etwas, was an keine kirchliche Tradition anknüpft, sondern durch Stalin erschaffen wurde, um genau diese zu ersetzen.
Weihnachten wird für Russen dann am 7. Januar begangen – allerdings weiß man dort weder was zu kochen und essen ist, noch wie man sonst feiert. Stalins Projekt, aus dem in den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts noch weitestgehend gläubigen russischen Bevölkerung den neuen „sowjetischen Menschen“ zu machen, ist an dieser Stelle nämlich voll gelungen. An dem Tag, wo die russische orthodoxe Kirche Weihnachten feiert, wurde bereits alles gepriesen: der Tannenbaum, der Weihnachtsmann (samt Enkelin), die Geschenke, das Familienfest. Und dann folgt in der russischen Tradition noch: das „alte neue Jahr“, man kann es auch als „das alte Silvester“ übersetzen. Am 13. Januar zum traditionellen Reinfeiern - wo aber keiner mehr weiß, warum und was das überhaupt ist.
Wobei: das mit dem „alten Neuen Jahr “ ist mir noch am schnellsten klar geworden. Die russische orthodoxe Kirche feiert da tatsächlich Silvester. Denn die Kirche lebt noch nach dem eigenen – julianischen – Kalender, der gegenüber dem westlichen gregorianischen 14 Tage versetzt ist. Vor der Oktober-Revolution lebte nämlich ganz Russland noch danach. 1918 die Bolschewiken für das Land den westlichen Kalender übernommen, was die orthodoxe Kirche nicht unterstützt hat.
Nun wird es auch mit dem russischen Weihnachten am 7. Januar klarer – warum aber ohne Tannenbaum & Co?
Erst in den letzten Jahren, mit dem Erscheinen von entsprechenden populären Quellen*, wurde mir langsam klar: das, was wir alle gemeinsam am Fest „Neujahr“ feiern, ist ein von Stalin komplett neu erfundenes, sehr konsequent und erfolgreich durchgeführtes Projekt.
Kurze Zusammenfassung dazu: Das Weihnachtsfest mit dem Tannenbaum und Geschenken, so wie wir das jetzt kennen, wurde in Russland seit Peter I. gefeiert und war Teil der städtischen Kultur, insbesondere im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Heißt: die überwiegende Mehrheit der (damals ländlichen) Bevölkerung kannte keinen Tannenbaum, sondern hatte eine völlig andere Tradition, so genannte Koljadki, ein karnevalistisches Verkleiden gepaart mit dem Singen von Liedern ähnlich dem, was am Tag der Heiligen 3 Könige in katholischen Gegenden gefeiert wird.
Nach der Revolution wurde das Feiern mit Tannenbaum und überhaupt das Feiern eines kirchlichen Fests strengstens verboten, und so blieb es bis Ende 1935.
Da wurde Stalins Projekt geboren und gestartet: Plötzlich durfte und sollte es wieder ein „Tannenbaum-Fest“ geben. Hauptsächlich, ja praktisch ausschließlich für Kinder – mit vielen bemerkenswerten Merkmalen. In allen öffentlichen Einrichtungen (Kindergärten, Schulen, Kinderheimen und sogar in Kinder-Gefängnissen bzw. für Kinder, die in Gefängnissen geboren wurden). Allem voran in dem Kolonnensaal des Kremls, dem Hauptveranstaltungsort des Landes. Für alle Kinder – unabhängig davon, ob ihre Eltern unter anderen Umständen das christliche Weihnachtsfest gefeiert oder ob sie anderen Religionen (z.B. dem Islam) angehören würden, wenn sie gedurft hätten.
Das vorrangige Ziel: Die Kinder sollten Stalin „für unsere glückliche Kindheit“ danken. Mit Geschenken - meist Süßigkeiten - vom Staat, die von dem Weihnachtsmann zwar gebracht, in Wirklichkeit aber natürlich von Stalin als Verkörperung dieses Staates gemacht wurden. Solche haben mir meine Eltern noch in den 70-ern und 80-ern von ihren Arbeitsstellen mitgebracht, selbstverständlich ohne Stalin-Grüße. Und in der Schule gab es sie sowieso. Vom Staat - zum Kind. Also: Kein Familienfest. Ein Fest der Sowjetunion, eine Einweihung aller kleinen Sowjetbürger in das gleiche Einigungs-Ritual, einen Reigen um den Tannenbaum herum, der sie in ihrer neuen Identität zusammenzementieren sollte.
Das gesamte Jahr 1936 wurde fleißig an dem neuen Mythos hinter der Festdramaturgie gebastelt, und Ende 1936 war es im großen Stil so weit: Der Weihnachtsmann, der als Gesandte des Großen Stalin mit Geschenken kam, in quasi folkloristischen Quellen gefundene Snegurotschka, die Weihnachtsfrau (sie wurde nun zur Enkelin, nicht zur Tochter - für eine kleine Tochter war der Opa Frost schlicht zu alt. Was würde das über seine Moral aussagen?). Ein Spiel für die Kinder, die nach der verschwundenen Snegurotschka suchen und Abenteuer in einem aufgeführten Märchen erleben. Kinder sind – offensichtlich im Anklang an die volksnahen Koljadki-Umzüge, karnevallistisch verkleidet: Jungs meist als Häschen, Mädchen als Schneeflöckchen. Nach Stalins Tod wurde die Verknüpfung mit besonderem Dank an Stalin zwar aufgehobe. Alles Übrige gehörte aber noch unverändert zur Tradition in meiner Pionier-Jugend in den späten 80ern: Da haben wir für die Grundschüler Märchen erfunden und aufgeführt. Ein sehr nettes Spiel - ich erinnere mich gern daran. Und langsam wurde das Neujahrsfest für die aufwachsenden Bürger mit neuer sowjetischer Identität auch wieder zum Familienfest. Den Weihnachtsmann samt Enkelin bestellen viele Eltern inzwischen nachhause oder behelfen sich gegenseitig mit verkleideten Vätern. Die Hoheit von Kindereinrichtungen aller Art und sogar der Arbeitsplätze ihrer Eltern bei der Tannenbaumfest-Organisation ist aber geblieben.
Für die Erwachsenen, die sich in den 30er Jahren – sogar laut offizieller Statistik noch der orthodoxen christlichen Religion zugehörig fühlten – gab es nebst dem Kümmern um die neue Identität ihrer Kinder noch ein geschicktes Spiel mit den Kalendern.
Die orthodoxe Tradition beinhaltet nämlich eine sechswöchige Fastenzeit vor dem Weihnachtsfest, diese beginnt am 28. November und endet logischerweise in der Nacht auf den 7. Januar. Das Fasten bedeutet vegane Diät und – sehr kontraproduktiv zum lustigen Silvesterfest mit Tannenbaum und dem neu erfundenen Weihnachtsmann – eine innere Einkehr, gedankliche Ruhe, kein ausgiebiges Feiern, und auf keinen Fall Alkohol. Wenn das ganze Land also eine Woche vor dem Ende der Fastenzeit das größte Fest des Jahres feiert, kann sich jeder (noch) Gläubige aussuchen, was er mit der Mehrheit teilen und was er mit dem eigenen religiösen Gefühl vereinbaren kann und möchte.
Die Antwort liegt, verstärkt durch das ständige öffentliche Reklamieren auf das passende Verhalten eines ordentlichen Sowjetbürgers, auf der Hand: Viel Weihnachten konnte nicht mehr sein.
In Samara, meiner Heimatstadt, und Umgebung gab es vor der Revolution insgesamt über 1000 Kirchen, nach 1938 waren nur noch drei geöffnet. Ich erinnere mich als Kind an zwei, und damals lebten fast 1,5 Millionen Menschen in der Stadt.
Mit den Jahren ist der gesamte hier beschriebene Zusammenhang eines Identitäts-Projekts in den Hintergrund zurückgetreten, die Kinder der 30ern sind erwachsen geworden, das Neujahrsfest entwickelte sich zu einer von der gesamten russischsprachigen bzw. sowjetischen Welt nicht mehr wegzudenkenden Tradition. Der russische Filmklassiker „Ironie des Schicksals“, zeigt, wie man es in gebildeten Kreisen in den 80ern gefeiert hat: Zum Verwechseln ähnlich überall, worauf auch der Witz dieser schönen Komödie basiert.
Im Jahr 2024 feierte ich mit meinen russischsprachigen Freundinnen das orthodoxe Weihnachtsfest. Eine von ihnen ist zwar in Russland geboren, hat das Weihnachtsfest aber mit ihrer ukrainischen Großfamilie in der Ostukraine, Donezk-Region, gefeiert. Wie sich herausgestellt hat: ganz anders. Mit speziellen Gerichten. Schon immer als Familienfest. Mit dem Tannenbaum und Geschenken am 7. Januar. Wir, in Moskau oder an der Wolga aufgewachsen, hörten ihre Erzählungen und staunten. Ehemals ebenfalls Sowjetbürger, haben die Ukrainer ihre Weihnachtstradition trotz aller Verbote bewahrt. Genau da verläuft jetzt die Front…
*Meine Quellen:
Wer mag, schaut sich Details auf Russisch (es leben die automatischen englischen Untertiteln auf YouTube an, z.B. hier:
- Ирина Шихман. Сталин - похититель Рождества / Irina Schichmann. Stalin – der Räuber des Weihnachtsfestes
- «Новый год от от Сталина до Путина: как возникает традиция» - лекция Александры Архиповой / "Neujahrsfest von Stalin bis Putin: Wie entsteht eine Tradition“. Vorlesung von Alexandra Archipova
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